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São Paulo 2003: Der Theaterregisseur Armin Petras beobachtet
Blinde, wie sie sich durch den Alltag bewegen, auf ihn wirkt das
wie Leben im Kriegszustand. Ein Bild, das ihn nicht mehr los lässt.
Bei der Suche nach einer adäquaten Metapher stößt
er auf den "Simplicissimus" von Grimmelshausen. Der hatte
den Dreißigjährigen Krieg nicht aus der Sicht des Feldherrn,
sondern des einfachen Soldaten beschrieben, der die Brutalität
und Surrealität der Situation in voller Härte zu spüren
bekam und sie sich selbst zu erklären versucht. Ausgehend von
diesem Roman schreibt der bekannte deutsche Bühnenautor Fritz
Kater einen Text, der das Gefühl permanenter körperlicher
Unsicherheit thematisiert, wie es sowohl Krieg wie auch Blindheit
erzeugen. Armin Petras wird den Text in seiner ersten explizit choreografischen
Arbeit mit drei Tänzerinnen - darunter einer blinden - und
einem Sprecher umsetzen.
Armin Petras zu seinem Stück:
"anhand des textes - der 11 szenen umfasst, die zeitlich
von der antike bis zur gegenwart reichen - und deren beiden
Hauptfiguren, simplex simplicissimus von grimmelshausen sowie
die blinde tänzerin pernille sonne, werden die verschiedenen
symptome und aspekte der beiden themen blindheit und krieg
beleuchtet. Es gibt nebenfiguren wie immanuel kant und dorfbewohner
aus papua-neuguinea."
Textauszug:
eine blinde frau geht zur strassenbahn sie möchte rennen
aber sie kann nicht
sie hat angst zu stürzen
sie hat nicht angst vor den schmerzen des sturzes
die kennt sie ja
sie hat angst vor dem mitleid der leute und der peinlichkeit
vielleicht holt sie ihren sohn von der schule ab
vielleicht ist sie schon zu spät
vielleicht steht er schon hinter der aula und wirft die alten
stullen in die tonne
das ganze bild kann ich nicht überblicken
und dann fing ich noch einmal mit der zeile an
auf einmal da war ich an dieser stelle meines lebens
alle anderen waren tod
vom krieg unfall oder langer weile
Eine Koproduktion des Hauses der Kulturen der Welt und schauspielfrankfurt
mit freundlicher Unterstützung des Schauspiels Leipzig,
des Maxim Gorki-Theaters und des Goethe-Instituts São
Paolo.
Das Stück ist über die Dauer des Festivals hinaus
noch bis zum 14.6.04 im Maxim Gorki-Theater zu sehen.
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