LAB 2004
Discarded Practices
Das Laboratorium (Lab) bildet den kreativen Kern von IN TRANSIT
und führt dessen utopischen Gründungsgedanken weiter.
Das Lab unterscheidet IN TRANSIT von traditionellen, reinen Präsentationsprogrammen:
Es schafft internationalen Persönlichkeiten, Künstlern
und Experten verschiedener Disziplinen einen Freiraum der Diskussion
und Kommunikation.
Hier stehen statt eines fertigen Produkts Begegnungen und ergebnisoffener
Austausch im Zentrum. Grundlage ist die gemeinsame Suche nach zukunftsweisenden
Formen in den Performing Arts, nach neuen Perspektiven der Kunst
im 21. Jahrhundert. Zu bestimmten Terminen erhält ein interessiertes
Publikum Einblicke in die Arbeitsweisen des Lab und kann auf diese
Weise Entwicklungen und Prozesse nachvollziehen. Das Lab wird dieses
Jahr von dem New Yorker Dramaturgen und Performance-Theoretiker
André Lepecki geleitet. Er hat fünf Künstler als
Lab-Teilnehmer und drei Experten als Referenten eingeladen, um mit
ihnen das Thema "Discarded Practices" zu behandeln, Körpertechniken,
die im westlichen Diskurs exotisiert oder marginalisiert wurden.
"Die Präsentationen," so André Lepecki, "werden
sich aus den Treffen der Lab-Teilnehmer entwickeln, als individuelle
oder kollektive Arbeiten der eingeladenen Künstler, als Reaktionen
auf Beiträge der Gäste vor Ort. Diese Veranstaltungen
sind öffentliche Sessions, das Lab öffnet gewissermaßen
seine Türen und führt seine Recherchen auf einem offenen
Forum weiter. Auch die Lectures sind eher informeller Natur, beinhalten
Gespräche mit dem Publikum und den Künstlern.
Auszüge
aus dem kuratorischen Konzept
"Wir werden uns mit der Frage befassen, inwieweit ein spiritueller
Körper auch ein ,energetisierter' Körper ist - ein Körper,
der zu seinen eigenen (immanenten) Energien ebenso in Beziehung
treten kann wie zu äußeren (transzendenten) Energien".
"Wer über den ,energetisierten' Körper nachdenkt,
muss sich auch mit den verworfenen Körperpraktiken des Westens
beschäftigen. Es gilt zu klären, wie im Zuge von Aufklärung
und Moderne die Energetik des Körpers als Begriff und Vorstellung
so radikal umformuliert wurde, sodass sie schließlich nur
noch die physische Energie bezeichnete. Im modernen Diskurs des
Subjektes sind nämlich weder spirituelle noch transzendente
Energien zugelassen. Einzig die physischen Energien werden erkannt
- und zum Gegenstand unablässiger Eingriffe durch Politik,
Gesetz, Medizin und Krieg.
Vermutlich war es deshalb unausweichlich, dass in den verschiedensten
Praktiken und Bereichen der Darstellenden Kunst des Westens Gegenstrategien
entstanden. Es ging darum, zu vergessenen Gebräuchen und Techniken
des Körpers zurückzukehren. Zen, Yoga, Tantra, Candomble
oder der Schamanismus haben nicht selten zu einem lebendigen Dialog
mit ,dem Anderen' beigetragen. Darüber hinaus sind aus ihnen
neue westliche Körpertechniken wie die Orgontherapie, das Mind-Body
Centering oder die Bioenergetik hervorgegangen.
Für das LAB wurden Künstler eingeladen, die in den Grenzbereichen
zwischen Kunst, Spiritualität, Energetik und Politik tätig
sind und in ihrer Arbeit den Körper erforschen. Zu den Techniken,
die dabei zum Einsatz kommen, gehören Orgontherapie, Meditation,
Reiki, Astralleib- und Vibrating Body-Forschung. Die Frage ist:
Wie können solche Techniken aus dem Randbereich des Exotischen
heraustreten und zu Gebräuchen der Re-Energetisierung im Sinne
einer politischen Ontologie der Darstellung und der Performance
werden? Inwiefern eröffnen sie dem darstellenden Körper
Möglichkeiten, mit der ihn umgebenden Welt zu interagieren?"
Kurator
André Lepecki (USA/Brasilien): Der Performance-Theoretiker,
Dramaturg und Künstler lehrt Tanztheorie und experimentelle
Dramaturgie an der New York University. Er veröffentlicht regelmäßig
Artikel über Tanz, Performance und Kulturtheorie in europäischen
und amerikanischen Zeitschriften wie The Drama Review, Performance
Research, Nouvelles de Dance, Ballett international und ArtForum.
Teilnehmer
Meg Stuart (USA/Belgien): Die Choreografin und Tänzerin arbeitete
mehrere Jahre an einer Improvisationsreihe für Tänzer,
Musiker, Designer, Video- und Klangkünstler in verschiedenen
europäischen Städten, mit dem Ziel, einen Gedankenaustausch
zum Wesen der Improvisation in Gang zu setzen. Ihre neueste Produktion
stellt sie im Rahmen von "Tanz im August" in der Volksbühne
vor.
Filipa Francisco (Portugal): Die junge Choreografin und Tänzerin
entwirft multidisziplinäre Arbeiten, die sich direkt auf den
Ort beziehen, an dem sie aufgeführt werden. Sie weist dem Publikum
in ihren Performances eine aktive Rolle zu und konzentriert sich
auf Themen wie das Nicht-Spielen innerhalb des Schauspielens und
den nahtlosen Übergang zwischen Probe und Aufführung.
Eleonora Fabião (Brasilien/USA): Die Performance-Künstlerin
und -theoretikerin konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen
Zuschauer und Performer, um die Dichotomie zwischen passiv und aktiv
durch "Ko-labor-a(k)tion" aufzubrechen. Ihr Thema ist
die Erforschung des "poetischen Körpers" und dessen
kreative, politische und kommunikative Fähigkeiten.
William Pope L. (USA): Der Künstler und Performer hat seit
1978 mehr als 40 "Crawls" durchgeführt. In diesen
Events kriecht er auf Händen und Knien bis zur völligen
Erschöpfung über öffentliche Gehwege. Sein "Kniefall"
lässt das Leben auf der Straße zum permanenten Akt der
Unterwerfung werden.
Sophiatou Kossoko (Nigeria/Frankreich): Die Tänzerin verknüpft
spirituelle Energien mit radikalen Bewegungen des Modern Dance.
Sie siedelt ihre Auslotung der eigenen Persönlichkeit in den
Grenzbereichen von bildender Kunst, Improvisation und Körperarbeit
an.
Gäste
Harry Lewis (USA): Der Therapeut thematisiert in seiner Lecture
"Pulsation and the functional identity of body, mind and behaviour"
die Relevanz von Wilhelm Reichs Konzept des bioenergetischen Pulsschlags
für Wissenschaft, Psychotherapie und Kunst. Kalender
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Lula Wanderley (Brasilien): Der Arzt, Psychiater und Künstler
spricht gemeinsam mit Gina Ferrreira in ihrer Lecture "The
dragon landed on the space" über zeitgenössische
Kunst, psychisches Leiden und das relationale Objekt in der Arbeit
von Lygia Clarke. Kalender
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Gina Ferreira (Brasilien): Die Psychologin arbeitet über die
von der brasilianischen Künstlerin Lygia Clarke entwickelte
Körpertechnik zur Strukturierung des Selbst. Diese Technik
ermöglicht es, Körpersprache als symbolische Repräsentation
des Verhältnisses zur Welt zu verstehen.
Kalender >>>
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